======Waffenlager der Orgesch in Osterburken und Seligental====== Am 13. Mai 1921 wurden auf dem Bahnhof in Osterburken in Waggons verschlossene Waffen gefunden, die in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar dort von der Verkehrswehr versteckt worden waren. Gefunden wurden u.a. 386 Gewehre und 12.000 Schuss Munition. Zwei Wochen später wurden auf dem Dachboden der Kilianskapelle in Osterburken 996 neue Infanteriegewehre sichergestellt. Der größte Fund gelang den Sicherheitskräften allerdings auf dem Hofgut Selgental bei Adelsheim in Baden. Dort waren 1.244 Infanteriegewehre, 516 Infanterie-Seitengewehre und 17 Maschinengewehre versteckt.(([[http://portal-militaergeschichte.de/sites/akm/nlarchiv/NL_34.pdf#page=10|Sterzenbach, Orgesch 14]])) ----- {{ :poi:osterburken:stadtgeschichte:neumaier-rnz1986-orgesch.pdf |RNZ 23.3.1986}} **Gewicht der Kisten brachte es an den Tag:** ====Waffenschieber in der Römerstadt==== **Osterburken. Der Vortrag "Osterburkener Waffenfunde", zu dem der Historische Verein Bauland gemeinsam mit dem Kolpingverein eingeladen hatte, vermochte eine stattliche Anzahl von Besuchern anzulocken. Dr. E. Weiß begrüßte als 2. Vorsitzender die Anwesenden und gab eine kleine Einführung in das Thema. Referent des Abends war Dr. Helmut Neumaier. Das Berichtsereignis, der Waffenfund, ging nicht etwa auf römische Zeiten zurück, was sich dem Uneingeweihten angesichts der Vergangenheit Osterburkens nahegelegt hätte, sondern fand im 20. Jahrhundert statt und wurde von der badischen Presse rechter und linker Provenienz jeweils in ihrem Sinne abgehandelt.** ++++mehr|Um die Vorgänge zu erklären, die zur illegalen Waffenverschiebung und letztendlich zu deren Aufdeckung geführt hatten, mußte Dr. Neumaier die Zustände im Reich zu Beginn der Weimarer Republik veranschaulichen. Die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages hatten zu unerträglichen Verhältnissen bezüglich der Sicherheit geführt. Die bolschewistische Bedrohung, die sich im Spartakusaufstand im Ruhrgebiet und in den Münchener Ereignissen der Nachkriegszeit äußerte, sowie die Angst vor einem Einmarsch der Franzosen führte zur Gründung von Selbstschutzverbänden und Bürgerwehren. Diese wurden auf Drängen der Siegermächte 1920 von der Reichsregierung wieder verboten. Nur die bayerische Einwohnerwehr, eine Organisation unter Leitung eines Forstrats Escherich und nach ihm "Orgesch" benannt, konnte sich unter dem Schutz der bayerischen Regierung halten, Württemberg und vor allem Baden, das als Grenzland zu Frankreich eine Invasion der Franzosen besonders fürchten mußte, wachten sorgsam darüber, die Orgesch in ihrem Staatsgebiet nicht Fuß fassen zu lassen. Im Herbst 1920 schien dies der Organisation Escherich in Karlsruhe trotzdem geglückt zu sein. Unter Major a. D. Alfred Kraus war dort eine Landesleitung aufgezogen worden. An der Spitze der Stabsleitung in Heidelberg stand ebenfalls ein ehemaliger Militär, Hauptmann a. D. Erich Damm, wie überhaupt alle wichtigen Positionen der Orgesch von arbeitslos gewordenen Offizieren gehalten wurden. Damm ist manchen älteren Einwohnern Osterburkens noch in Erinnerung. Er bereiste das badische Hinterland, um Mitglieder zu werben. Dabei ging er äußerst umsichtig zu Werke, hielt Vorträge, gründete Jagdvereine und schließlich die Technische Nothilfe, um dann endlich seine wahre Absicht vorzutragen. Osterburken und einige umliegende Gutshöfe wie der Dörrhof, die Marienhöhe und das ehemalige Kloster Seligental wurden zum Hauptaktionsgebiet der Orgesch im Bauland, die sich hier allerdings "Bund Freiheit und Recht" nannte. Ihre Mitglieder waren größtenteils Osterburkener, u. a. Beschäftigte des Finanzamts und des Bahnhofs. Vermutlich war sogar der damalige Bürgermeister eingeweiht. Das war wichtig, denn eines Tages kamen kistenweise Gewehre an, die als Maislieferungen deklariert waren. Das Gewicht verriet den wahren Inhalt und die Sache kam heraus. Der weitaus größte Teil an Waffen und Munition erreichte Osterburken als reguläre Bahnfracht in vier bis fünf Waggons. Diese wurden heimlich in der Nacht verladen und teils per Fuhrwerk nach Seligental verbracht, teils in der Kilianskapelle gelagert. Der Schlossermeister J. Ellwanger, ein treues SPD-Mitglied, soll alles verraten haben, am 28. Mai 1921 beschlagnahmte die Sicherheitspolizei (Sipo) aus Heidelberg alle Gewehre aus der Kapelle. Einige Zeit später wurden auch in Seligental Gewehre und Maschinengewehre entdeckt und abgeholt. Der mutmaßliche Informant J. Ellwanger wurde von den Osterburkenern boykottiert und hat den Ort bald verlassen. Die Orgesch-Anführer wurden verhaftet; es stellte sichjedoch heraus, daß man keine gesetzliche Handhabe gegen sie hatte. Sie mußten wieder entlassen werden. Obwohl der badische Innenminister Remmele die Angelegenheit begreiflicherweise herunterspielen wollte, beherrschte der Osterburkener Waffenfund im Frühsommer 1921 die badische Presse und verlieh Osterburken vorübergehend den Ruf eines "terroristischen Widerstandsnests". Diese heute in Osterburken fast unbekannten Vorgänge wurden vom Referenten durch das Studium der noch teilweise erhaltenen Akten, der damaligen Presse und durch Gespräche mit älteren Einwohnern bis in die Details wieder ausgegraben, was ihm mit lebhaftem Beifall gedankt wurde. ++++